DER RETTENDE BLICK VON GEGENÜBER


Beim Kurzfilmfestival erleben die Zuschauer bezaubernde Geschichten.

Ein dünner Mann steigt in seiner Küche auf einen Stuhl, er sieht traurig aus. Der Mann legt sich ein Seil um den Hals, er will sich aufhängen. Bevor er sich vom Stuhl fallen lässt, blickt er noch einmal aus dem Fenster, als wolle er sich verabschieden von einer Welt, die es nicht gut gemeint hat mit ihm. Und da sieht er einen Jungen, der im Haus gegenüber am Fenster steht und zu ihm herüber schaut. Der dünne Mann erschrickt. Der Junge würde ihm zusehen, wie er sich aufhängt! Das will er nicht.

Der Mann versucht, die Situation zu überspielen, er schraubt an der Lampe herum, die von der Küchendecke hängt. Der Junge soll glauben, er habe sich auf den Stuhl gestellt, um die kaputte Birne zu wechseln. Man könnte das, was der Mann tut, Übersprunghandlung nennen – oder in diesem Fall: eine Nichtsprunghaltung, weil er nicht vom Stuhl herunter springt. Was sich daraus entwickelt, ist große Klasse: Der Mann spielt erst mit der Glühbirne, dann balanciert er eine Flasche auf dem Kinn, schließlich zaubert er mit einem Luftballon – es ist eine Vorstellung für den Jungen, eine pantomimische Meisterleistung. Und am Ende zieht er den Vorhang der Küche zu – wie den Vorhang einer Bühne.

Und die Zuschauer – es waren fast 200 gekommen – durften danach einen Sieger wählen. Es gewann die bezaubernde Geschichte des traurigen Mannes, sie heißt “Ein Augenblick in mir”.


Süddeutsche Zeitung | written by Gerhard Fischer | Visit the website >>