EXGROUND – AUSBLICKE AUF DIE WETTBEWERBSBEITRÄGE ZUM DEUTSCHEN KURZFILMPREIS


WIESBADEN – Festival-Herzstück und Publikumsmagnet zu gleichen Teilen: Der Deutsche Kurzfilm-Wettbewerb wird mit seinen zwei in schöner Regel ausverkauften Screenings auch bei Exground 28 für programmierte Highlights sorgen. Warum? Der via Publikumsentscheid ausgetragene Wettbewerb bietet so unterschiedliche, ungewöhnliche, schräge, witzige oder einfach fesselnde Unterhaltung, wie man sie sonst in einem einzigen Programm eben ganz selten entdeckt. Und auch 2015 präsentiert das Tableau schon traditionell ein Themen- und Genre-Panoptikum, das man gesehen haben muss.

Mittendrin: Ein guter Exground-Bekannter, der für seine Animationskunststücke inzwischen mehr als 40 nationale und internationale Trophäen abgeräumt hat und beim gerade zu Ende gegangenen Trickfilm-Wochenende im Biebricher Schloss mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Till Nowak hat in „Dissonance“, einem Hybrid aus Animation und Realfilm, wieder einmal unglaubliche visuelle Traumwelten geschaffen, die man in dieser Güte nur aus Hollywoods Spezialeffekteschmieden kennt.

14-Minuten-Meisterwerk

Sein 14-Minuten-Meisterwerk erzählt in einem Irgendwo zwischen Realität und Fantasieuniversum die Geschichte eines begnadeten, gnadenlos vereinsamten Pianisten, der nur noch von der Sehnsucht nach seiner in einer Art Unterwelt lebenden Tochter angetrieben wird. Aber trotz aller Vermittlungsversuche des Mädchens gibt es da eben eine Mutter, die jede Annäherung zwischen Vater und Kind zu verhindern sucht. Zweifellos keine neue Story, die Till Nowak da in 3D-Technik animiert hat, aber wie er sie erzählt, fasziniert bis zur letzten Sekunde.

Ebenfalls quasi ein Exground-Stammgast: Jochen Kuhn, Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg und All-in-One-Filmemacher im besten Sinn: Für „Immer müder“, in dem er sich auf gewohnt lakonisch-ironisch-intelligente Art mit dem Phänomen der Müdigkeit auseinandersetzt, firmiert der 61-Jährige erneut als komplettes Filmteam, bringt seine gemalten Ideen zum Laufen oder überblendet sie mit der nächsten, gerne mal verwischten Zeichnung. Dabei erwächst in diesem Daumenkino für Fortgeschrittene nicht nur ein herzig melancholischer, wenn nicht schon resignativer Blick auf das Thema, Kuhn nimmt mit entspannt-ermatteter Off-Stimme en passant auch das unerbittliche Leistungsprinzip unserer rasenden Zeit aufs Korn.

Ganz andere, allerdings ähnlich entspannte Baustelle: Karsten Wiesels „akustisch wertvoller Dokumentarfilm“ über die „Hochbrücke Brunsbüttel“, die nicht nur erklecklich majestätisch, in 42 Metern Höhe, den Nord-Ostsee-Kanal überspannt. In diesem geradezu intimen Porträt wird das imposante Ingenieurswerk auch zum stillen Klangkörper. Wortlos geht es dann weiter in Jan Zabeils „We will stay in touch“, der Alexander Fehling im Nirgendwo einer Wüstensteppe einen mysteriösen Autounfall erleben – oder doch tagträumen (?) – lässt. Genaues weiß man nicht. Sicher dagegen ist: In Daniel Nockes wieder einmal großartiger, sehr animalischer Animation „Wer trägt die Kosten?“ wird umso mehr geredet, u.a. von Moderator Hyäne, Kanzler Löwe und Opfer Zebra. Übrigens, unverkennbar, direkt aus dem Gasometer in Berlin. Schöne Grüße also auch an Herrn Jauch und die Macher aller Polit-Talk-Placebos.

Dauer-Kalauer

Schließlich wären da noch der unfreiwillig angstfreie Bombenentschärfer Gustav Peter Wöhler & „Doktor“ Anke Engelke im Dauer-Kalauer „Herman the German“ (Publikumsliebling beim Max Ophüls Preis), dazu David M. Lorenz’ Kammerspiel „Wir könnten, wir sollten, wir hätten doch…“, das die Flüchtlingsproblematik auf clevere Weise mit einer Beziehungskrise kurzschließt, Marco Gadges „Er und Sie“-Raststätten-Besuch der alten Dame beim deprimierten Rostocker Polizeiruf-Kommissar Josef Heynert und Tanja Bubels nächste Paartherapie, in der sie selbst mit ihrem Liebsten Stefan Puntigam auf dem „Spielplatz“ strandet. Kind oder nicht Kind, ist hier die Frage. Na ja, zumindest kurzzeitig.


Wiesbadener Kurier | written by Peter Müller | Visit the website >>